Rezensionen

Rezension zum polnischen Film

Mystik und Geschichte. Jacob Böhme in Polen

 Mut und Zuversicht gehörten wohl zu der großen Aufgabe, die Lukasz Chwalko mithilfe einfacher filmischer Mittel wahrgenommen hat, um Jacob Böhme einem Film-Publikum nahe zu bringen. Mit Erfolg. Entstanden ist ein sachlich aufgemachter, historisch argumentierender Dokumentarfilm, der auf special effects weitgehend verzichtet und den Schwerpunkt auf zahlreiche Interview-Passagen legt. Böhme-Spezialisten und Philosophiehistoriker werden ausführlich zitiert, unterbrochen von Einblendungen historischer Bilder, Fotos zu Böhme-Stätten in Görlitz, Zgorzelec und dem niederschlesischen Umland.

 

Der Film verliert sich nicht im Mystischen. Die Bilder und Dokumente sind historisch, werden geschichtlich kommentiert und informieren übersichtlich und präzise. Indem die Interviewpartner fast ausschließlich polnische Gelehrte sind, und diese überwiegend zur Wirkungsgeschichte Böhmes in Polen und Russland referieren, findet der Film seine Zielgruppe wohl eher in Polen.

 

Genau dadurch wird der Film auf eigene Weise interessant. Denn das Fesselnde an diesem Film ist, wie die polnischen Interviewpartner sprechen, welche Sichtweise sie vertreten. Diese Interview-Passagen sind selbst ein Stück lebendige Rezeptionsgeschichte. So betont etwa Józef Piórczynski die von Hegel an Böhme so geschätzte Dialektik, und er tut dies mit einer engagierten Gestik, bei der sein Oberkörper sich in die Gedanken geradezu hineinwirft, stellvertretend für eine liebevolle Subjektivität, der gegenüber andere Philosophie-Professoren eher ihre objektiven Gesichter vom Katheder herab schneiden. Da verzeiht man gerne diesen oder jenen Lapsus, wenn etwa behauptet wird, Goethe habe seine Farbenlehre von Böhme übernommen: dafür gibt es keinen Nachweis. Goethe zählt zu denen, die Böhme nicht nennenswert gelesen haben.

 

Monika Rzeczycka referiert über die russische Böhme-Rezeption im 19. Jahrhundert. Sie versäumt nicht, des großen Quirin Kuhlmann zu gedenken, unter böhmelesenden Barockdichtern der bedeutendste, der auf so bestialische Weise 1689 auf dem Roten Platz hingerichtet wurde – denunziert übrigens von Moskauer Lutheranern.

 

Jerzy Prokopiuk (hinter ihm sieht man eine Fotographie Rudolf Steiners) beeindruckt durch einen Effekt in der Wiedergabe der Böhme‘schen Gedankenwelt, der sich durch eine Eigenmystik des Deuters auszeichnet: Im Erklären wird der Referent selber mystisch und teilt mehr sich als Böhme mit. Wie in der Böhme-Literatur festgestellt, führt jeder Versuch, Böhme zu verstehen, leicht dazu, ihn zu reproduzieren, und in diese Falle gehen einige Interviewpassagen. Aber das widerfährt jedem Leser Böhmes, und dieser Effekt gehört zu seinem Faszinosum. Unsere Lese-Eindrücke sind daher stets subjektiv, leider übertönen allzu pauschale Aussagen in apodiktischer Schärfe manchmal diesen Effekt. So bei einem Interview-Partner, dem die historische Aufklärung im 18. Jahrhundert offenbar ein Dorn im Auge ist:

 

„Man begann sich im Klaren zu sein, dass unsere Rationalität absolut negative Folgen hat. Kausales Denken. Dieses Ursache-Wirkungs-Denken beraubt uns vor allem des enormen Kontextes, des Absoluten, der Metaphysik, wir bleiben vereinsamt und leben nur in mechanistischen Kategorien.“

 

Das kann man sagen, wenn ergänzt wird, dass Böhmes Philosophie auch Säkularisierungspotential bietet, das objektiv der frühen Aufklärung half, die Theologie abzuschütteln, etwa durch seinen Beitrag zum Pantheismus (Gott und Natur gehören zusammen).

 

Dann und wann wandelt übrigens ein junger Mann mit langen Haaren und schwarzem Mantel durchs Bild und über eine Wiese, leider nur von hinten zu sehen, so dass der Zuschauer nur vermuten kann, wer es ist: Jacob Böhme? Sein Geist? Ein Leser? Allemal ein junger Mann, der von der dunklen Kammer in die Natur flieht, ähnlich wie in Novalis‘ schönem Gedicht über Jacob Böhme.

 

Die gelegentliche Mystifizierung in den Interviewpassagen wird ausgeglichen durch die ruhige, gelassene und zurückhaltende Regie des Films, der angenehm unaufgeregt präsentiert statt posauniert, erzählt statt behauptet und schweigt statt schwelgt. Zu eigenen philosophischen Beobachtungen lädt der Film ein, er ist ein europäischer Film über einen europäischen Philosophen.

T. I.

"Das Leben und Werk von Jacob Boehme". Dokumentarfilm von Lukasz Chwalko. Uraufführung am 4. Juni 2016 in Zgorzelec. Polnisch mit deutscher Synchronisation. Dauer: 1 Std, 1 Minute. Zur Zeit (August 2018) jeden Samstag um 18:15 Uhr im "Offkino Klappe die Zweite", Görlitz.
 

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