zu folgenden Werken der Böhme-Literatur

(in der Reihenfolge des Eingangs):

 

Andreas Gauger: An den Grenzen des Denkens

Govert Bonnie Snoek: Handschriften en Vrienden van Jacob Böhme

Gemma Magica (Abraham von Franckenberg)

Wolfgang Bauernfeind: Jacob Böhme. Auf der Suche nach seiner Weltformel (Roman)

Filmkritik: Jacob Böhme. Leben und Werk. Ein polnischer Dokumentarfilm

Thomas Isermann: O Sicherheit, der Teufel wartet deiner! Jacob-Böhme-Lektüren

400 Jahre "Aurora oder Morgenröte im Aufgang"

Wolfgang Melzer: Nach der Morgenröte (Roman)

Filmkritik: Morgenröthe im Aufgang. Hommage à Jacob Böhme

Tünde Beatrix Karnitscher: Johann Theodor von Tschesch

Ferdinand van Ingen: Jacob Böhme in seiner Zeit

Mystik und Totalitarismus. Böhme Studien Band 3

Kritische Neuedition des "Gründlichen Berichts..."

Gerhard Wehr: Die Kräfte der Natur (Einführung zu Böhme)

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Andreas Gauger: An den Grenzen des Denkens oder: Philo-Sophia perennis I. Meta-Philo-Sophie als Pan-Sophie oder: Weg zur Mystik

(Weissensee-Verlag 2019. ISBN 978-89998-308-1. 395 S. € 59,60)

Der Philosoph Andreas Gauger, dem zwei bedeutende Veröffentlichungen zum Wesen der Mystik des Theosophen Jacob Böhme zu verdanken sind, legt mit "An den Grenzen des Denkens oder: Philo-Sophia perennis I" den ersten Band seines Hauptwerkes zur Ewigen Weisheit vor. Der Titel der Arbeit ist Programm: über vierhundert Seiten bewegt sich der Autor mit enormem Kenntnisreichtum und beispielloser Gründlichkeit an den Grenzen des Denkens über das Undenkbare – an den Grenzen des philosophisch bereits Gedachten und des "philo-sophisch" neu zu Denkenden. In Gaugers Worten: "'Philo-Sophia' bedeutet eine trans-rationale Erweiterung der Philo-Sophie. Sie ist mit einem wissenschaftlichen Instrumentarium allein nicht zu beschreiben (weil sie das transzendente Wesen der Unendlichkeit(en) berücksichtigt. Sie ist (im Ergebnis und als solche) keine Wissenschaft (mehr)! Sie denkt das Denken als das Seyn des Seins (den Grund) und bezieht das "Nichts" mit ein. Sie ist eine "Weisheit" und kein Wissen! Sie eröffnet die "Freiheit zum Grunde". Sie enthält eine religiöse Komponente. Man findet sie in allen Religionen und Kulturen der Erde. Sie weist eine stufenförmige Entwicklung (Klimax) auf – wobei jede "Stufe" der Erkenntnis eine je eigene Dimension und/oder Mächtigkeit besitzt. Sie zeigt sich nur den Einzelnen."

In einer Zeit, in welcher der Begriff "Mystik" von philosophisch-wissenschaftlicher Seite für "entbehrlich" und "eher schädlich" gehalten wird, ist Andreas Gaugers Werk nicht nur eine "Grund"-legende Arbeit zur Zukunft des philosophischen Denkens, sondern auch ein leidenschaftlicher Durchbruch zum "Grund" aller Wissenschaft und aller wahrhaft "Ewigen Philo-Sophie" als "immerwährendes Streben nach Weisheit" und "ewige Liebe zur Weisheit". Einem dem Text vorangestellten Epigramm lässt sich entnehmen, dass der Autor von dem inspiriert und geleitet wird, was traditionell als "Die Große Erfahrung" bekannt ist. Der gedankliche und seelische Reichtum, der aus dieser Quelle in das Werk einfließt, lässt sich kaum beschreiben: allein die überaus dichten, die Weisheit der Weltkulturen durchdringenden Querverweise und Zitate, mit denen Gauger den kühnen Entwurf seiner "Philo-Sophia perennis" begleitet, machen das Werk zu einem veritablen Schatzhaus.

Der zweite, demnächst erscheinende Band der gepanten Trilogie ist, wie der Autor ankündigt, Jacob Böhme gewidmet, "als ein Gleichnis und Beispiel für einen Denker, der Inhalt und Wesen der Philo-Sophia praktisch, denkerisch und intuitiv erfasst und mit seinen (natürlich zeitbedingten) Mitteln zur Sprache gebracht hat. Er spricht und denkt nicht nur 'sensualisch', sondern auch 'mentalisch' und/oder 'natursprachlich' und überdies 'englisch' – d. h. in einer dem Wesen der Philo-Sophia sehr nahekommenden Sprache."

Man möchte Gaugers grundlegendem Werk viele Leser wünschen, vor allem aus gegenwärtigen philosophisch-wissenschaftlichen Kreisen. Aber der Autor ist sich der Sonderstellung seiner Arbeit bewusst – nicht umsonst zitiert er am Anfang seines Textes in den "Philo-Sophischen Sätzen zur einführenden Meditation" das Wort René Descartes': "So will ich denn … die Grundlagen der gesamten Metaphysik behandeln. Ich erwarte dabei weder den Beifall der Menge, noch eine große Zahl von Lesern; denn ich schreibe nur für solche, die ernstlich mit mir nachdenken, … und deren gibt es, wie ich wohl weiß, nur wenige." Es wird Einzelnen – und kommenden Lesern und Weisheitsuchenden – vorbehalten bleiben, den Reichtum der wegweisenden "trans-rationalen" Arbeit Andreas Gaugers als philo-sophischen "Quellbrunnen" zu erkennen und zu würdigen.

Ronald Steckel, im November 2019

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Die Wege der Handschriften

Handschriften von Mystikern sind, wie Reliquien, Unikate der Ehrfurcht. Von Reliquien unterscheiden sie sich im profanen Gebrauchswert sehr, weniger im ideellen Wert und in unserer Bereitschaft zur Adoration. Handschriften und Reliquien sind die kalte Schlacke eines erloschenen Feuers, das einmal in einem heiligen, in einem geliebten Leben brannte.

Autographen von historischer Bedeutung verbürgen nicht nur, dass ihr gedruckter Text wirklich von dem Autor stammt, dem auch die Handschrift angehört, und nicht nur, dass die Textfassung des Autors inklusive aller Schreibfehler, Korrekturen und der Orthographie die allein gültige sei, nein: Handschriften haben eine Physiognomie wie wir Menschen, eine feste und eine situativ wechselnde. Uns sieht man an, wenn wir hektisch sind, ungeduldig, verärgert, oder verliebt, glücklich und wohltemperiert oder melancholisch. Handschriften sieht man auch ein wenig an, wie sich die Verfasser gerade fühlten, als sie schrieben. Dazu muss man kein Graphologe sein, auch ein Philologe möchte wissen, ob der Autor seine Gedanken oft änderte, Streichungen und Korrekturen vornahm, oder ob das einmal Hingeschriebene – wie bei einem festen Charakter – gilt und steht.

Theologisch hat es mit Handschriften noch mehr auf sich: bedeutender als profane Texte ist eine Handschrift jener Mystiker, die ÜBER ihr Schreiben nachdenken und die immer wieder betonen: nicht sie würden schreiben, sondern Gott diktiere ihnen. Die Botschaften von außen dringen in den Geist ein, wo das, was diktiert wird – sagen wir: vom metaphysischen Heiligen Geist in die physische Muskelbewegung des Schreibens umformatiert wird. Was mag nicht alles im Körper ablaufen, wenn Gott dem Schreiber diktiert, und das verwandelt sich in eine Handschrift! Der Himmel und Erde schuf, die Berge, Meere, die Planeten, alles alles, die Städte, Wälder, uns: DER hat sich in den Handschriften der Mystiker nachlesbar hinterlassen. Wenn der Autor göttlich inspiriert schreibt, und wenn er ein guter Stilist ist, sind seinen Anhängern die Originaltexte nur umso heiliger. Diese numinose Bewunderung erklärt vielleicht, warum gerade einige der frommsten Anhänger eines Mystikers die strengsten und genauesten Editoren seiner Texte sein können. Ein Schüler der Mystik ist immer auch ein guter Philologe. Denn er hat das Wort lieb, weil Gott es sprach.

Nun gehen diese textuellen Reliquien auf Reisen, wechseln ihre Besitzer, sind Wind und Wetter in historischen Stürmen ausgesetzt, werden fortgeweht, und manches Blatt geht unter, geht verloren, manches Manuskript trennt sich vom Ganzen und siedelt woanders. In Nacht- und Nebelaktionen werden sie vor anrückenden Gegnern versteckt, vergraben, in eine vorläufige Sicherheit gebracht, bis wieder stabile politische Verhältnisse herrschen, in denen sie unter archivarischem Lichtschutzfaktor in A4-formatigen Särgen liegen und ungern aus der Hand gegeben werden. Werden sie gezeigt, so nur im Dämmerlicht, als würden sie schlafen. Man kann beobachten, wie die Besucher vor den Vitrinen leise sprechen, vielleicht um sie nicht zu wecken.

Aber das nur vorweg. Mit dem vorliegenden Buch:

Govert Bonnie Snoek: Handschriften en vrienden van Jacob Böhme in Leiden an Amsterdam Van Leiden naar Linz am Rhein.  Eugen Schulte als „Vorsteher“ van de Gichtelianen in contact met Wilhelm Goeters en Werner Buddecke. De roof door de Gestapo (1941). De uitgave van de Urscheriften (1963-1966) en de huidige situatie. Haarlem Rozekruis Pers 2018. ISBN 9789067324687, 240 Seiten, 28,95 €

... ist nunmehr ein weiteres Werk entstanden, das sich umfänglich den Wegen der Handschriften Jacob Böhmes widmet. Es ist ein Buch über die verschlungenen Pfade der Böhme-Handschriften quer durch Europa und quer durch die Jahrhunderte, angefangen bei den ersten Initiativen des Abraham Wilhelmsz van Beyerland, der ab 1634 bis 1643 alle Böhme-Autographen aufkaufte und ins Holländische übersetzte, über den Bürgermeister von Arnheim, der diese Autographensammlung dem Herausgeber der ersten kompletten deutschen Werkausgabe, Johann Georg Gichtel, zur Verfügung stellte, bis zum Erwerb der Handschiften durch Böhme-Freunde 1728 unter Johann Wilhelm Überfeld, so dass die Handschriften bis zu diesem Zeitpunkt die Niederlande nicht verlassen haben und in der Vollständigkeit vorlagen, wie sie die Sämtlichen Schriften von 1730 umfassen.

Doch erst mit der Zeit danach setzt Snoek die genauere Spurensuche an: Der Weg der Handschriften von Leiden nach Berlin von 1750 bis 1827, der Umzug der Böhme-Freunde oder „Gichtelianer“ mitsamt den Handschriften 1896 von Westpommern nach Linz am Rhein, bis zu den Umständen der Entstehung von Werner Buddeckes Edition der „Urschriften“ 1963 (Band I) und 1966 (Band II). Diese Urschriften, eine kommentierte Transkription der Handschriften Böhmes, die überlebt haben, umfassen nur noch – geschätzt – ein Viertel der ursprünglichen „Sämtlichen Schriften“. Am Wegesrand werden Schicksale und Umstände der Agierenden miterzählt, so dass kein trockener Bericht entstanden ist, sondern über die Spurensuche nach den Handschriften hinaus ein Stück lebendige Zeitgeschichte. Spannende wie tragische Gestalten begegnen uns, wie jene Frl. Kralemann, Schwester bei den Böhme-Freunden in Linz am Rhein, wo die Böhme-Autografen 1896 bis 1941 lagen. Sie schrieb mehrere Briefe an die Gestapo in Koblenz, in denen sie auch ein tausendjähriges Reich verkündete, dem sich der Führer bitte zu unterwerfen hatte. Den Recherchen zufolge habe sich die Gestapo tatsächlich für Böhmes Handschriften interessiert. Geheimnisse waren ihr schließlich suspekt, auch mystische waren ihnen nur zum Lüften da. Bald zeigte sich jedoch der zerrüttete Geisteszustand jener Frl. Kralemann, die von der Gestapo in eine psychiatrische Klinik eingewiesen wurde, wo sich offenbar ihre Spur verlor, wenn nicht ihr Leben. So ließen sich viele Namen nennen, die den Weg der Manuskripte Böhmes durch ihr Engagement um die Handschriften begleitet haben.

Snoeks Darstellungen ergänzen viele Ausführungen zum 2007 erschienenen Aufsatzband „Jacob Böhmes Weg in die Welt“, hg. von Theodor Harmsen, ohne sie allzusehr zu wiederholen, etwa den Bericht von Günther Bonheim über die Engelsbrüder oder den von Matthias Wenzel über den Verbleib der Handschriften nach 1941 bis heute.

Ein eigener Aspekt wäre die Frage nach der juristischen Betrachtung des Umganges mit dem Linzer Archiv. Diese Publikation, gleich ob in niederländisch oder in deutscher Übersetzung vorliegend, könnte Anlass für eine sorgfältige Untersuchung dieser Frage sein. Wo liegen die Handschriften heute, und befinden sie sich dort zurecht? Der letzte Satz des Buches ist geeignet, schlafende Hunde zu wecken. Er lautet:

„Das Linzer Böhme-Archiv, das u.a. originale Handschriften, Abschriften, Bücher, Gemälde und sogar Bücherschränke umfasste, ist jetzt, soweit bekannt, verteilt über Gör­litz, Breslau, Wolfenbüttel, Balingen, Amsterdam, und Bonn. 1970 schenkten die Böhme-Freunde nur die Böhme-Handschriften an Wolfenbüttel, die sie nach dem Krieg zurückbekommen hatten. Das übrige Material wurde ihnen nie zurück­gegeben und das hätte die Stadt Görlitz doch wohl tun können.“ (S. 267)

Hier scheint noch eine Rechnung offen zu sein. Die Parenthese „soweit bekannt“ spricht Bände: wenn der Verbleib des handschriftlichen Materials nicht dem Verfasser dieser detaillierten Studie bekannt ist, wem dann? Fragen nach der Rechtmäßigkeit von Schenkungen sollten noch sicherer aufgearbeitet werden, als in diesem letzten Kapitel von Snoeks Untersuchung getan. Aber das scheint ein eigenes Thema zu sein.

 

Der Band ist gut bebildert, enthält viele dokumentarische Details, verfügt über ein umfangreiches Literaturverzeichnis und ein Register. Dankenswert ist, dass der Autor seine Ergebnisse in einer deutschen  Zusammenfassung präsentiert (Seiten 259 – 267). Diesem Werk ist zu wünschen, dass es alsbald komplett vom Niederländischen ins Deutsche übersetzt werden möge.

Weitere Hinweise zu dem Thema: Weiterlesen.

Thomas Isermann

 

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Abraham von Franckenberg:  Gemma Magica. Oder: Magisches Edelgestein. Amsterdam 1688. transliteracao para caracteres latinos: G. Elisabeth Hupfeld. Sao Paulo 2019. 163 Seiten, Preis: 49,77 € inklusive Porto, zu beziehen über: gehupfeld(at)gmail.com

Diese Edition der Schrift aus dem Umkreis des Abraham von Franckenberg, dem Schüler und Biographen Jacob Böhmes, stellt keine Übersetzung, keine Neuedition, sondern eine Transkription von der Frakturschrift in eine Antiqua dar. Dankbar an dieser Edition ist weniger ihre textkritische Intention als vielmehr die Chance zu bieten, überhaupt dieses rare Werk zur Kenntnis zu nehmen. G. Elisabeth Hupfeld, Sao Paulo (Brasilien) gehört zum Kreis der Nachfahren derer von Franckenberg, die ihr berufliches Wirken nach Südamerika verlegt haben. Dieses Buch ist mithin aus der Motivation entstanden, die sie gemeinsam mit vielen Nachfahren und Gemeinden der Mystiker teilt, deren Ideen in der Nachreformation als religiöses Reisegepäck mit in die Neue Welt gelangt sind. Zum Umkreis der internationalen Böhme-Rezeption stellen die Auswanderer eine wichtige Gruppe dar.

Als Verfasser der Gemma magica gilt der Freund Johann Arndts, Christoph Hirsch („Stellatus“; gestorben um 1649), so Joachim Telle in seiner Edition der Briefe Franckenbergs (insbesondere durch jenen vom 18.8.1649 an Hirsch, S. 229). Es wäre wünschenswert, über die Entstehung des Werkes noch mehr zu erfahren, immerhin ist Franckenberg 1652, Hirsch 1649 gestorben, das Werk ist jedoch erst 1688 erschienen. Hier scheint mir noch die Frage offen, in welcher Verfasser-Konstellation und mit welchem Hintergrund das Werk entstanden ist.

Es handelt sich um eine naturmystische Schrift aus der paracelsischen Tradition, das als metaphorisches Zentrum das liber naturae, das Buch der Natur hat. Anspielungen auf die Chymische Hochzeit weist das Buch (und den Verfasser) als rosenkreuzerisch auf. Die Schöpfungsmodelle werden mit Hinweis auf die „Cabbala“ entworfen und haben Ähnlichkeit mit der Qualitätenlehre Jacob Böhmes. Wenn wir von all den denkbaren Quellen stets nur sagen können, es seien „Ähnlichkeiten“, so belegt die große Schwierigkeit bei all den naturmystischen Autoren, die Transformation der Schöpfungslehren nachzuweisen oder auch nur nachzuzeichnen, dass sie eigenständige Gebilde sind, mit einer kraftvollen Phantasie und, wie in diesem Fall, kurz nach dem Ende des 30-jährigen Krieges in panischer Ehrfurcht geschrieben wurden, in Ehrfurcht vor dem Autor beider Bücher, des der Natur und des der Bibel, und – eigentlich drittens – des eigenen Buches, das wir mit solchen Werken wie der Gemma Magica in den Händen halten.

Thomas Isermann

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Wolfgang Bauernfeind: JACOB BÖHME – Auf der Suche nach seiner Weltformel.

Roman, Mitteldeutscher Verlag, Halle 2019, ISBN 978-3-963111143, 214 S.,16 Euro

Wolfgang Bauernfeind, Autor und langjähriger Leiter der Feature-Abteilung des RBB, hat einen Roman über Jacob Böhme verfasst, allerdings von überraschend anderer Art als die Böhme-Romane, die wir kennen. Die Erzählung, mit leichter Hand geschrieben, versammelt in unseren Tagen einige Böhme-Forscher, Mitglieder der Jacob-Böhme-Gesellschaften verschiedener Länder, anlässlich eines sensationellen Fundes in der Neißestadt Görlitz. Der "Fund" sind unbekannte handschriftliche Dokumente aus der Feder Böhmes, aufgefunden im Mauerwerk eines Renaissance-Hauses am Görlitzer Untermarkt, die den Gelehrten im Lesesaal der Oberlausitzischen Bibliothek der Wissenschaften zur Untersuchung präsentiert werden.

 

Von sehr unterschiedlichen Intentionen bewegt, machen sich die Gelehrten an die Arbeit, in der Hoffnung, in den Papieren wesentliche Kommentare zu Böhmes Werk, vielleicht sogar seine "Weltformel" zu entdecken. Aber bei den Papieren handelt es sich zur allgemeinen Überraschung nicht um Ausführungen oder Erläuterungen zu Böhmes Gesamtwerk, sondern um "private" Aufzeichnungen, in denen eben all das zu finden ist, das man in Böhmes Schriften vermisst: eine Art Tagebuch, in dem der Philosophus Teutonicus als normaler Sterblicher erscheint: als Ehemann, der sich Sorgen um seine Frau, seine Kinder und seine Geschäfte macht, als Autor, der sich die Belastung durch den Streit mit dem Primarius Richter von der Seele schreibt und als Zeitzeuge, der sich als aufmerksamer Chronist des politischen Geschehens seiner Zeit erweist. Eine Parallele zu den gefälschten Hitler-Tagebüchern der 80er Jahre ist unverkennbar; trotzdem wirkt Bauernfeinds Fiktion, so "privat" manche Notizen sind ("Mir geht es nicht besser. Nun ist auch noch Durchfall hinzugekommen und Kollern im Bauch, was mich am Schreiben meiner Erinnerungen sehr hindert."), nicht abwegig oder absurd. Sie verrät zudem in vielen Zitaten eine solide Kenntnis der Schriften Böhmes, besonders der Theosophischen Sendbriefe – und der politischen Ereignisse der Epoche, die in die Katastrophe des 30jährigen Krieges führten. Und wie die Gelehrten im Roman, konfrontiert mit diesem neuen Blick auf Böhme, nun mit dem "Fund" umgehen, welchen geheimen Intentionen sie bei ihren Untersuchungen folgen, was sie sich erhoffen, das erzählt Bauernfeind auf humorvolle, geschickte Weise, die auch die Realität unserer Tage mit einschließt: durch Görlitz streifende Truppen gewaltbereiter rechter Horden kommen ebenso vor wie die Quantenmechanik und die Stringtheorie, die CIA und die "schwarzen Gefängnisse" der USA in Polen, in denen Terroristen inhaftiert und gefoltert werden. Halluzinatorische Auftritte wie der per Bahn anreisende und sich dann in Luft auflösende greise Isaac Newton und die gespenstische Erscheinung historischer Gestalten aus dem 30jährigen Krieg auf dem Görlitzer Untermarkt vollenden den Reigen, und die im "Fund" nicht aufzufindende "Weltformel" offenbart sich bei einem letzten gemeinsamen Gespräch der Gelehrten auf dem Nicolai-Friedhof vor Böhmes Grab dann auch: "…die Liebe. Sie sollte unsere Weltformel sein".

 

Summa: Wolfgang Bauernfeind hat mit seinem leichthändig geschriebenen Roman einen erfrischend unkonventionellen – man möchte fast sagen "unterhaltsamen" – Zugang zum Philosophus Teutonicus, seinem Werk und seiner Zeit eröffnet.

 

A.M. (Februar 2019)

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Mystik und Geschichte. Jacob Böhme in Polen

 

Ein polnischer Dokumentarfilm über Jacob Böhme von Lukasz Chwalko (Rezension Thomas Isermann)

 

Mut und Zuversicht gehörten wohl zu der großen Aufgabe, die Lukasz Chwalko mithilfe einfacher filmischer Mittel wahrgenommen hat, um Jacob Böhme einem Film-Publikum nahe zu bringen. Mit Erfolg. Entstanden ist ein sachlich aufgemachter, historisch argumentierender Dokumentarfilm, der auf special effects weitgehend verzichtet und den Schwerpunkt auf zahlreiche Interview-Passagen legt. Böhme-Spezialisten und Philosophiehistoriker werden ausführlich zitiert, unterbrochen von Einblendungen historischer Bilder, Fotos zu Böhme-Stätten in Görlitz, Zgorzelec und dem niederschlesischen Umland.

 

Der Film verliert sich nicht im Mystischen. Die Bilder und Dokumente sind historisch, werden geschichtlich kommentiert und informieren übersichtlich und präzise. Indem die Interviewpartner fast ausschließlich polnische Gelehrte sind, und diese überwiegend zur Wirkungsgeschichte Böhmes in Polen und Russland referieren, findet der Film seine Zielgruppe wohl eher in Polen.

 

Genau dadurch wird der Film auf eigene Weise interessant. Denn das Fesselnde an diesem Film ist, wie die polnischen Interviewpartner sprechen, welche Sichtweise sie vertreten. Diese Interview-Passagen sind selbst ein Stück lebendige Rezeptionsgeschichte. So betont etwa Józef Piórczynski die von Hegel an Böhme so geschätzte Dialektik, und er tut dies mit einer engagierten Gestik, bei der sein Oberkörper sich in die Gedanken geradezu hineinwirft, stellvertretend für eine liebevolle Subjektivität, der gegenüber andere Philosophie-Professoren eher ihre objektiven Gesichter vom Katheder herab schneiden. Da verzeiht man gerne diesen oder jenen Lapsus, wenn etwa behauptet wird, Goethe habe seine Farbenlehre von Böhme übernommen: dafür gibt es keinen Nachweis. Goethe zählt zu denen, die Böhme nicht nennenswert gelesen haben.

 

Monika Rzeczycka referiert über die russische Böhme-Rezeption im 19. Jahrhundert. Sie versäumt nicht, des großen Quirin Kuhlmann zu gedenken, unter böhmelesenden Barockdichtern der bedeutendste, der auf so bestialische Weise 1689 auf dem Roten Platz hingerichtet wurde – denunziert übrigens von Moskauer Lutheranern.

 

Jerzy Prokopiuk (hinter ihm sieht man eine Fotographie Rudolf Steiners) beeindruckt durch einen Effekt in der Wiedergabe der Böhme‘schen Gedankenwelt, der sich durch eine Eigenmystik des Deuters auszeichnet: Im Erklären wird der Referent selber mystisch und teilt mehr sich als Böhme mit. Wie in der Böhme-Literatur festgestellt, führt jeder Versuch, Böhme zu verstehen, leicht dazu, ihn zu reproduzieren, und in diese Falle gehen einige Interviewpassagen. Aber das widerfährt jedem Leser Böhmes, und dieser Effekt gehört zu seinem Faszinosum. Unsere Lese-Eindrücke sind daher stets subjektiv, leider übertönen allzu pauschale Aussagen in apodiktischer Schärfe manchmal diesen Effekt. So bei einem Interview-Partner, dem die historische Aufklärung im 18. Jahrhundert offenbar ein Dorn im Auge ist:

 

„Man begann sich im Klaren zu sein, dass unsere Rationalität absolut negative Folgen hat. Kausales Denken. Dieses Ursache-Wirkungs-Denken beraubt uns vor allem des enormen Kontextes, des Absoluten, der Metaphysik, wir bleiben vereinsamt und leben nur in mechanistischen Kategorien.“

 

Das kann man sagen, wenn ergänzt wird, dass Böhmes Philosophie auch Säkularisierungspotential bietet, das objektiv der frühen Aufklärung half, die Theologie abzuschütteln, etwa durch seinen Beitrag zum Pantheismus (Gott und Natur gehören zusammen).

 

Dann und wann wandelt übrigens ein junger Mann mit langen Haaren und schwarzem Mantel durchs Bild und über eine Wiese, leider nur von hinten zu sehen, so dass der Zuschauer nur vermuten kann, wer es ist: Jacob Böhme? Sein Geist? Ein Leser? Allemal ein junger Mann, der von der dunklen Kammer in die Natur flieht, ähnlich wie in Novalis‘ schönem Gedicht über Jacob Böhme.

 

Die gelegentliche Mystifizierung in den Interviewpassagen wird ausgeglichen durch die ruhige, gelassene und zurückhaltende Regie des Films, der angenehm unaufgeregt präsentiert statt posauniert, erzählt statt behauptet und schweigt statt schwelgt. Zu eigenen philosophischen Beobachtungen lädt der Film ein, er ist ein europäischer Film über einen europäischen Philosophen.

"Das Leben und Werk von Jacob Boehme". Dokumentarfilm von Lukasz Chwalko. Uraufführung am 4. Juni 2016 in Zgorzelec. Polnisch mit deutscher Synchronisation. Dauer: 1 Std, 1 Minute. Zur Zeit (August 2018) jeden Samstag um 18:15 Uhr im "Offkino Klappe die Zweite", Görlitz.

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Rezension zu: Thomas Isermann: O Sicherheit, der Teufel wartet deiner! Jacob Böhme-Lektüren. Görlitz: Gunter Oettel, 2017. 398 S.  36 €. ISBN: 978-3-944560-37-3

Mit seinem Buch O Sicherheit, der Teufel wartet deiner! legt Thomas Isermann seine Lektüre-Ergebnisse zu sämtlichen Einzelschriften Jacob Böhmes vor. Bereits in der Einleitung wird klar, dass es Isermanns Intention keinesfalls ist, eine Darstellung der Werke Böhmes im Sinn eines geschlossenen Systems zu verfassen. Vielmehr versucht er in seinem ambitionierten Projekt, Böhmes Schriften einzeln zu portraitieren und sie in einen für unsere Zeit nachvollziehbaren literarisch-philosophischen Diskurs zu stellen:

 Lässt sich das, was Jacob Böhme in seiner Zeit bedeutete für uns in wenigen Sätzen und in unseren Worten zusammenfassen? Vielleicht so: Ihm zufolge leben wir Menschen nicht jeder für sich allein, sondern alles um uns herum „lebt“. Die vielen Augen, oft in seinen Werken symbolisch abgebildet, sind die Augen, mit denen uns heute die Tiere anblicken, die Wälder und Flüsse, die Berge, auch die Städte, die Mega-Cities, die Hochhausschluchten, mit Tränen die Kriege, die Katastrophen, die Vertreibungen. All diese Blicke auf uns, auf unser Gewissen, wirft ein Wesen, das wir „Erde“  nennen können, „Natur“, „Ganzheit“, gleichviel: Wir sind nicht die einzigen Wesen, die das Wörtchen „Leben“ für sich beanspruchen können. Lesen wir einmal ein paar Seiten Jacob Böhme, und ersetzen wir, wo es geht, das Wörtchen „Gott“ durch das Wort „Leben“ oder durch das Wort „Sinn“: Dann wird die Richtung klar, wo die Lesbarkeit dieses Naturphilosophen heute liegen könnte. (S. 20)

 Mit dieser ehrgeizigen, existentialistisch-anmuteten Sichtweise versucht der Autor, Böhmes Ideen zu übertragen und sie durch seine „allgemeinverständliche Darstellung“ (S. 20) einem breiten Publikum nahe zu bringen. In diesem Sinne ist der herausragende Verdienst Isermanns eine Übersetzungsleistung, der eine intensive Recherche vorausgegangen ist.

Bemerkenswert ist dabei sein Talent, Böhme – sowohl als Mensch, als auch in seiner Sprache – zu kontextualisieren. So differenziert er beispielsweise zwischen Böhmes innovativem Schreibstil und dem sprachlichen Standard zu Böhmes Lebzeiten (vgl. z.B. S. 66). Nur in diesem Kontext lasse sich Böhmes dichterische Fähigkeit besser verstehen. Ein besonderes Augenmerk legt Isermann zudem auf Böhmes Persönlichkeit. Denn sie ermächtige den Görlitzer Philosophen, trotz seiner sozialen Schichtzugehörigkeit und mangelnden formalen Bildung als Laie, das Wort zu ergreifen und Schriften zu verfassen, die über die Kompetenzen eines Schusters hinausgehen. Mit psychologischem Blick wird Böhmes „Selbstdiagnose der Melancholie“ (S. 42) dargestellt und wie Böhme seine Schwermut durch sein Schreiben überwunden zu haben scheint. Die besondere Leistung Isermanns ist dabei, sich Böhme als Menschen – ohne Verklärung und Idealisierung – vorzustellen. Wohl wissend um die stereotypen Rezeptionslinien der Böhmischen Schriften – „Böhme, das romantische Genie, versus Böhme der Fanaticus“ (S. 370) – wird Isermann mit seiner teilweise unkonventionellen Interpretation zweifelsohne Bedenken herausfordern.

Böhme wird von Isermann als sehr unangepasst und teilweise schon als rebellisch aufgefasst. Das zeigt sich beispielsweise auch darin, dass er immer wieder auf die barocke Polemik Böhmes hinweist (vgl. z.B. S. 211), die dem Bild des in sich versunkenen Mystikers entgegensteht. Besonders im Kontext der Prädestinationslehre, die mehrfach thematisiert wird, widersetze sich Böhme der „reformatorische[n] Bevormundung“ (S. 161) in dieser Lehre, was Isermann als eine Befreiung aus „konfessioneller Enge“ (S. 192) wertet. Zudem habe seine Kritik auch psychologische implikationen: „Das Konzept der prädestinativen Erwählung aus unbekannter Gnade steht im Konkurrenzverhältnis zu seiner Berufung als Erleuchteter, als weiser Laie Christi. Seine Kritik an der Gnadenwahl legitimiert ihn als Schreiber“ (S. 245). Nicht zuletzt stellt Isermann auch Böhmes Naturverständnis als unvereinbar mit der lutherischen Doktrin des sola scriptura dar. Die „Emanzipation eines von der Theologie befreiten Seelenverständnisses“ (S. 121) verorte sich jenseits der etablierten Denkweise (seiner Zeit). Böhme wäre als gedankenschwerer Unzeitgemäßer zu bewerten, der mit seiner Weltsicht die Negativität seiner Zeit aufnimmt. Die Welt ist ein Ekel und der Melancholiker ihr Repräsentant. Dies fasst Isermann in dem überaus einleuchtenden Satz zusammen: „In einer schönen Welt ist der Melancholiker ein Narr“ (S. 284).

Isermanns Lektüren von Böhmes Texten, die allesamt sowohl einen Überblicks- als auch Einführungscharakter besitzen, sind durchweg von kreativen Verweisen und originellen Exkursen durchzogen. Da er die Werke Böhmes in der Chronologie ihrer Entstehung vorstellt, werden auch dessen Gedanken von ihm in ihrer Entwicklung nachgezeichnet. Dabei vermittelt Isermann seine persönliche Erfahrung bei der Lektüre des Philosophen und gibt Hinweise, die dem interessierten Laien den Zugang zu Böhme erleichtern. Die Schrift „Von dem dreyfachen Leben des Menschen“ wird als „durchdachter politisch-religiöser Essay“ (S. 107) besprochen, „Sex Puncta Theosophica“ wird den Böhme-Einsteigern ans Herz gelegt (vgl. S. 132). In der Besprechung des Mysterium Magnum weist Isermann auf eklatante Forschungslücken hin (vgl. S. 248). Es gebe zu diesem Hauptwerk keine neueren Einzeluntersuchungen.

Isermanns Böhme-Lektüren sind sehr gut lesbar und schwungvoll geschrieben – er verwendet nur wenige Fachtermini, die nicht im allgemeinsprachlichen Gebrauch verankert sind –, und aufgrund seiner Kontextualisierungen und Erläuterungen ist es auch möglich, Kapitel separat zu lesen, obwohl sich das Buch gleich einem Roman äußerst flüssig durchlesen lässt. Seinem ausgeprägten Gespür für Sprache ist es zu verdanken, dass man als Leser mit oft überraschenden Ideen konfrontiert wird. Besonders angenehm ist dabei Isermanns literarischer Schreibstil.

Böhmes Religionskritik kommentiert Isermann u.a. so: „Vielmehr steckt in jeder Kirche etwas ‚Kain-artiges‘“(S. 90); in der Nachzeichnung von Böhmes „Vernunft- und Wissenschaftskritik“ (S. 97) widmet er sich dem Unterschied von Vernunft und Verstand bei Böhme und erklärt dazu einleuchtend, warum für Böhme im Begriff der Vernunft auch das Teuflische stecke (S. 97). Schlussendlich kommt er zu dem Ergebnis: „Auf emotionales Verstehen setzt Böhme, nicht auf Vernunft“ (S. 98). Durch „vernünftigen“ Egoismus blieben laut Böhme ethisch-christliche Grundsätze auf der Strecke, und ein vernunftgesteuerter Machtwille gewinne Herrschaft in den Individuen, der von teuflischen Affekten, bestehend aus Hochmut, Neid, Gier und Geiz, angetrieben sei (vgl. S. 282-284). In diesem Zusammenhang stellt Isermann eine reizvolle Verbindung zwischen Böhmes Denken und Adornos und Horkheimers Dialektik der Aufklärung (vgl. S. 92) her.

Allgemein ist Isermanns Abhandlung der Mut zu bescheinigen, neue Wege zu gehen und Jacob Böhme neu zu denken. Beispielsweise diskutiert er mehrfach die Darstellung von Sexualität und erotischer Sprache bei Böhme. So werte der Görlitzer Denker in seiner Schrift „Beschreibung der Drey Principien Göttlichen Wesens“ Sexualität als „vitale[n], unausweichliche[n] und gesunde[n] Naturvorgang“ (S. 84). Zu diesem Gegenstand bedürfe es allerdings weiterer Forschung (S. 87). Im „Anti-Stiefelius“ wiederum sei bei Böhme ein eher negatives Bild von körperlicher Sexualität und Erotik zu entdecken, das sich aber „in sublimierter Form von ihrer Körperlichkeit zu lösen [scheint]. Im Kreis gleichgesinnter Männer erhält sie platonischen Ausdruck“ (S. 189). Weiterhin attestiert Isermann Böhme eine zuweilen „hocherotisierte Sprache, die ihn als einen manieristischen Lyriker zeigt“ (S. 211). Zudem setzt er sich mit dessen durchaus arbiträren Darstellung „einer platonisch erotisierten Sophien-Minne“ (S. 213) auseinander. In Böhmes Sendbriefen besonders an Christian Bernhard glaubt Isermann eine an „sublime Homoerotik“ erinnernde Bilderebene (S. 344) zu entdecken. Auch in Bezug auf diesen Kontext ist es seinem verdienstvollen Buch zu verdanken, dass er das Potential von Böhmes Schriften für mögliche neue Forschungsfelder, wie Geschlechterstudien und Queer-Studies, sichtbar werden lässt.

Allgemein macht der Autor sehr deutlich, wie aktuell Böhmes Denken immer noch ist. So vergleicht er – auf durchaus humorvolle Weise – die alttestamentarische Geschichte von Josef und seinen Brüdern mit zeitgenössischen Migrationsprozessen. Böhmes Werk durchwehe eine sich an den „Skandalen des Erzählten“ immer wieder entzündende „Friedenssehnsucht“ (vgl. S. 267f.). In Bezug auf den Toleranzgedanken, ein häufig wiederkehrendes Motiv bei Böhme (z.B. S. 290), präsentiert Isermann Böhmes Sichtweise von der Ebenbürtigkeit verschiedener Glaubensrichtungen, resultierend aus Böhmes sozial- und theologiekritischem Denken.

Isermanns humorvolle Art, an die Texte heranzugehen, zeigt sich im übrigen auch im Kapitel über die „Schutz-rede, wieder Gregorium Richter“, in der er teilweise die Sicht des Görlitzer Oberpfarrers einnimmt, der Böhmes „lockere[n] Weg zum rechten flockigen kuscheligen Privat-Glauben“ (S. 311) attackiert. Derlei Formulierungen können mitunter ebenso erfrischend wie kurzzeitig irritierend sein; so etwa auch in folgendem Zitat: „Die Görlitzer mochten ihn [Jacob Böhme]. Sie mochten ihn so sehr, dass sie ihn aus der Kutsche zerrten und in eine Pfütze warfen“ (S. 13). Hier wäre es wünschenswert gewesen, wenn der Umgang  der Görlitzer Bevölkerung mit ihrem besonderen Mitbewohner ein wenig mehr mit weiteren Beispielen unterlegt worden wäre.

Isermann vermerkt, dass Böhmes Denken als ein „Aufbegehren gegen allzu rationalistische Denkweisen“ (S. 17) rezipiert wurde. Zum Abschluss gesteht Isermann selbst, dass seine Interpretationen, die nicht nur auf einem philosophischen Diskurs beruhen, eine potentielle Dissonanz zu Böhmes Absichten darstellen: „Mit der Aufnahme Böhme als Dichter aber beginnen wir, Böhmes eigenen Anspruch zu hintergehen“ (S. 362). Dies schmälert jedoch nicht die Leistungen Isermanns. Das Gegenteil ist der Fall, denn zuletzt bleibt der Eindruck, dass er mit seinem umfangreichen Werk O Sicherheit, der Teufel wartet deiner! sehr viel Mut bewiesen hat. Bei einer offenen Leserschaft, die etablierte Deutungsmuster infrage stellen kann,  bleibt die Lust auf eigene Böhme-Entdeckungen und die Exploration von Böhmes Denken für andere Forschungsfelder. Vielversprechende Anhaltspunkte dafür hat Isermann in seiner Schrift zur Genüge geliefert.

 

Tobias Schlosser

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Jacob Böhmes erste Schrift „Aurora“ (1612), neu betrachtet! 

 4. Band der Böhme-Studien soeben im Berliner Weißensee-Verlag  erschienen

Im Jahr 2012 jährte sich zum 400. Mal der Tag, an dem der bis dahin nur als Schuhmacher­meister bekannte Jacob Böhme die Arbeit an seinem ersten Werk, das später unter dem Namen „Aurora“ bekannt wurde, abschloss. Diese Schrift machte ihn zunächst regional, in der Stadt Görlitz und ihrem lausitzisch-schlesischen Umland, als einen philosophischen Denker bekannt. Sie begründete, nachdem sie in Holland mehrfach gedruckt worden war, seinen wachsenden, über Deutschland und schließlich auch über Europa weit hinausreichenden Ruhm.

Der vorliegende, mit dem Titel von Böhmes Schrift „Morgenröte im Aufgang“ versehene Band 4 der Böhme-Studien enthält die für den Druck ausgearbeiteten Beiträge der vierten Tagung des Jacob-Böhme-Instituts vom 7. bis 9. Juni 2012 in Görlitz. Zusätzlich zu einer Reihe weiterer Texte aus dem Bereich der aktuellen Böhme-Forschung wurde  das Textbuch zu dem sehr sehenswerten Film „Morgenröte im Aufgang – Hommage à Jacob Böhme“ aufgenommen, der 2015 unter der Regie von Max Hopp, Jan Korthäuer, Ronald Steckel und Klaus Weingarten (nootheater & Organisation zur Umwandlung des Kinos) fertiggestellt und in Görlitz uraufgeführt worden ist.

Dr. Günther Bonheim, Dr. Thomas Regehly

 

Morgenröte im Aufgang. Beiträge einer Tagung zum 400. Jahrestag der Entstehung von Böhmes Erstschrift. Herausgegeben von Günther Bonheim und Thomas Regehly. (Böhme-Studien 4. Beiträge zu Philosophie und Philologie). Berlin 2016. 292 Seiten. ISBN 978-3-89998-241-1. Preis: 29,90 €.

 

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Wolfgang Melzer: Nach der Morgenröte. Jacob-Böhme-Roman. Verlag Gunter Oettel, Görlitz 2016. ISBN: 978-3-944560-33-5. 418 Seiten. 19,80 €

 

Mystikforscher können komische Kauze sein. Sie beugen sich über alte Bücher oder Handschriften, und sie nehmen die teuren Seiten in die Hand, wie Goldsucher ihre flache Goldpfanne vorsichtig schwenken, in gespannter Erwartung, endlich jubelnd auszurufen, wenn sie Gold gefunden haben: Ein Manuskript, das noch niemand edierte, ein gefundener Schriftzug, die der Feder aus der Hand eines großen Mannes entfloss, das letzte Druckexemplar einer ehemals epochemachenden Predigt. Der Mystiker mag von geistigen Kräften angespornt gewesen sein, die die Finger zittern ließ beim Schreiben. Die alten Ketzer und Visionäre waren Seismographen der Erdbeben Gottes, ihre ekstatische Schrift gleicht den gezackten Ausschlägen der Tintenlinien auf der Richterskala. Diese über die Jahrhunderte getrockneten Blätter als erster zu entziffern, gewährt Historikern eine Seligkeit, findiger als die Kollegen zu sein. Das ist die Formel dieser seltsamen Konstellation: Textsucher studieren die Blätter von Gottsuchern. Kann es einen größeren Widerspruch geben? Ähnlich fragend beginnt dieser Roman:

 

>Im alten Bibliothekssaal, der heute Museum und Ausstel­lungsstück in einem ist, saß ein Mann Anfang Vierzig. Hauke Lescher, der - wurde er nach seiner Profession gefragt - gern mit Privatgelehrter geantwortet hätte, dies aber wegen der mit­schwingenden Weltfremdheit des Bezeichneten nur in Aus­nahmefällen wagte, hatte sich hierhin zurückgezogen. Den ganzen Vormittag hindurch hatte er im modernen Lesesaal der Akademie alte Bände des Neuen Lausitzischen Magazins durchgeblättert, bis das hygroskopische Papier seine Hände schmerzhaft ausgetrocknet hatte. Dabei war es nicht geblie­ben. Während er die Hände eincremte, hatte sich ohne Vorwarnung die - leicht modifizierte - Frage Schillers in sein Hirn gebohrt: Zu welchem Ende studiert der Mensch Regio­nalgeschichte ?

Aus dem Saatkorn des Zweifels wuchs in seinem Kopf die niederdrückende Sinnfrage heran: Weshalb studierte man überhaupt Gegenstände, die sich einer Nutzanwendung nicht nur vorerst sondern prinzipiell entzogen? Aus denen sich kaum je Bargeld gewinnen ließ, wenn man einmal die seltenen Autorenhonorare gutmütiger Verleger nicht zählte?

Lescher gestand sich ein, niemandem überzeugend darle­gen zu können, welche Not seine Studien linderten, ja, dass er selbst nicht verstand, wieso er sie betrieb.< (S. 6 f.)

Gemeint ist eine Bibliothek in Görlitz, den Jacob-Böhme-Kennern wohlbekannt. Diese Passage zu Beginn des Romans von Wolfgang Melzer über heutige Rara-Jäger und Szenen aus Jacob Böhmes Alltag habe ich gerne gelesen, und sofort verloren sich meine Blicke  irgendwo im Raum, und das Buch rutschte mir aus der Hand. Die Frage, zu welchem Ende von uns Privatgelehrten Mystiker-Texte studiert und erforscht werden, an deren religiösen Inhalt wir kaum noch glauben, in des gläubigen Sinn des Wortes, bohrt mir wie Schillers Frage ins Hirn, dass es schmerzt. Gibt der Roman von Wolfgang Melzer eine Antwort? Stillt er den Schmerz? Nein. Es geht in dem Roman um die Beziehung des oben zitierten Privatgelehrten zur Nichte eines geheimnisvollen Mannes, die „Clio“ heißt und wie eine Allegorie zwischen der gleichnamigen Muse der Geschichtsschreibung und der platonischen  Sophia den Hauke Lescher zunehmend betört. Man vernimmt Gerüchte über einen unbekannten Brief Jacob Böhmes, die Suche führt zu Antiquariaten in Breslau und anderswo, man gerät in Kreise um mystische Bruderschaften, etwa der realhistorischen der Engelsbrüder, die sich sehr um die Sammlung von Böhme-Handschriften verdient gemacht haben. Dann aber auch begegnet ihnen eine ulkige Bruderschaft in spitzen Zipfelmützen, die in der Nacht herumtanzen und erdverbundene Laute ausstoßen und sich von den beiden Manuskriptjägern aus irgendeinem Grund filmen lassen. Eine Pegida-Verballhornung, möchte man meinen, ich habe es nicht ganz verstanden. Im Wechsel der Kapitel erzählt Melzer die Geschichte der beiden Manuskriptjäger und Szenen aus der Biographie Jacob Böhmes. Die Gegenwart wird im Imperfekt erzählt, die Historie um Böhme im Präsenz. Das ist ein gelungener grammatischer Zoom, um die alten Zeiten uns näher zu holen. Während es jedoch in der Gegenwarts-Schicht konspirativ knistert vor geheimnisvollen Bünden, von denen man nicht recht weiß, was von ihnen zu halten ist, bleibt die Böhme-Schicht sachlich und unmystisch.

Die Gegenwart erfährt heftige, aber konservative Kritik: Das Internet wird platterdings kritisiert, weil es die Kunden von der Straße weglockt, und Clio’s Anziehungskraft wird in einem inneren Monolog verraten:

 >Wieso fragt mich dieser Lescher, was mein Geheimnis ist? Mein Geheimnis ist, dass ich kein Geheimnis habe. Aber das muss ich geheim halten, denn, wenn du schön bist, lockst du alle an; bist du geheimnisvoll, nur die Mutigen. Die Helden der Oberfläche, die Schönlinge, schreckst du damit ab. Sie ah­nen Verstand und gehen auf Distanz. Dann doch lieber jene ködern, die in die Tiefe gehen wollen, die sich auch einmal in etwas verbeißen, was nichts mit Geldverdienen zu tun hat; die Sammeln langweilig finden, egal ob es um Geld, Ansichtskar­ten, Geschlechtspartner geht. Dafür ist ein Geheimnis gut.

Aber wieso fragt er mich, was mein Geheimnis ist?

Was ist denn sein Geheimnis?! Dass er mich noch nicht nach dem Tattoo gefragt hat wie die anderen alle?! Weiß er's? ihm egal?< (S. 136)

 Diese Reflexionen der Muse Clio geben das Geheimnis des Romans wieder, in dem seine Form versteckt, dass der Inhalt keines habe. Die beängstigende Montage von „Geld, Ansichtskarten und Geschlechtspartnern“ ist nicht lustig. Es entsteht der Verdacht, die Flucht zur Welt Jacob Böhmes diene einer Kritik der unübersichtlich gewordenen Gegenwart. Die Tiefe mystischer Erzählschichten wird zuweilen von allzu flachen Urteilen dementiert. So heißt es über Berlin:

 >Auf der Fahrbahn rollte dicht an dicht der abendliche Be­rufsverkehr, auf dem Gehsteig tummelte sich das zusammen­gewürfelte Volk eines Berliner Kiezes. Mütter mit Kinderwa­gen spazierten ohne Ziel, Angestellte hetzten nach Hause, ein Grüppchen hochhackiger Sekretärinnen hatte etwas aufregen­des vor, ein Penner mit bauchigen Plastiktüten durchsuchte die Abfallkörbe nach Flaschen und Büchsen. Vor dem kleinen italienischen Eisladen leckten muslimische Kinder an Eiswaf­feln und beim Türken an der Ecke verdrückten Handwerker Dönerteller zum Feierabendbier.< (S. 201)

 

Warum haben die Mütter in Berlin kein Ziel? Wieso ist Volk „zusammengewürfelt“? Hetzen Angestellte in Berlin immer, und in Sachsen nie? Natürlich darf der Penner neben den Sekretärinnen als Kontrapunkt nicht fehlen, und Signalworte wie „muslimisch“ oder „Döner“ zeigen an, dass der Erzähler sich in Babel nicht zuhause fühlt. „Hochhackige Sekretärinnen“ sind denn auch in Berlin nicht bekannt, allenfalls ihre Schuhe sind hochhackig. Wie geht die Geschichte aus? Den Böhme-Brief gibt es am Ende nicht mehr, wer hätte es anders erwartet, an Clio war kein Rankommen, und das beides enttäuscht die Hauptfigur derart, dass sie den Spaß, in der schönen Görlitzer Bibliothek als Privatgelehrter zu forschen, verliert.

 

>Das Thema Böhme und die Alchimie ließ ihn kalt, inspirierte ihn nicht mehr. (…) und er floh aus der Bibliothek, die zum Un-Ort geworden war. In einer Konditorei nicht weit davon deckte er sich mit zwei Schlesischen Mohntorten ein und verließ die Stadt, ohne sich umzudrehen, (…) Görlitz sah ihn nie wieder.< (S. 417 f.)

 

Schade. Der Roman berührt mich an einer wunden Stelle. Er beschäftigt mich, und deshalb schreibe ich hier über ihn. Seine Eingangsfrage: Warum betreiben wir Geschichte, insbesondere Mystik-Geschichte, beantwortet der Romanverlauf und sein Ende mit Frustration. Eine Ent-Täuschung ist immer auch das Ende einer Täuschung. Die Handlung sollte den Privatgelehrten wohl vor seiner Sinnkrise bewahren, und führt ihn nur umso tiefer hinein. Wer alten Manuskripten nachjagt, um mystische Abenteuer zu erleben und die Liebe einer mignonähnlichen Frau zu gewinnen, bringt sich um jede Liebe zur Sache, weil er sie nie besaß. Daran rächt sich der Schluss des Romans, indem er sich von der Görlitzer Bibliothek und mit ihr von der „Regionalgeschichte“ abkehrt. Der Romanstoff rächt sich am Erzähler, weil dieser zu burschikos darüber urteilt, worüber jener melancholisch werden lässt: die Vergeblichkeit der Mystik, ihr historisches Umsonst, ihr Prinzip Hoffnungslosigkeit.

Der Historiker der Mystik leistet Trauerarbeit, um den Verlust des Vergangenen durch Bewahrung und Andenken, durch Musealität und Muse in die Botschaft umzuwandeln, dass die Geschichte weitergeht, und immer weiter geht. Historisch gewordene Mystik hat ihren göttlichen Atem ausgehaucht, und vor dem Historiker liegt noch die Schlacke aus Text und Worten, die einst Welten schufen. Wir hauchen unseren Atem hinein und halten das Feuer der Mystik wenigstens warm. Ihre Schönheit schimmert in der Dämmerung täglicher Morgenröten.

 

Thomas Isermann

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Filmkritik: Morgenröte im Aufgang. Hommage à Jacob Böhme. 

 

Stellen wir uns vor, ein Kinobesucher wollte sich mit diesem Film über Jacob Böhme informieren. Das Kino kennt er, ein mutiges Lichtspielhaus am Ufer abseits des Mainstreams, mit anspruchsvollen Themen in durchaus experimenteller filmästhetischer Tradition. In Erwartung eines Films über den barocken Philosophen, der von 1575 bis 1624 gelebt hat: Jacob Böhme, rechnen wir zunächst mit Szenen aus Mantel- und Degen-Dramen, mit kostümierten Damen und Herren, die durch eine Altstadtkulisse wandeln oder wanken, mit Kutschen, die über Kopfsteinpflaster rumpeln, und Armeeszenen zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges. Immerhin hat Jacob Böhme in seiner Zeit von ihr viel erlitten, mitbekommem und sich in ihr bewegt. Doch nichts von alledem. Dieser Film ist anders, ganz anders. Wie also, so die Frage, erreicht dieser Film ein Publikum, das über Jacob Böhme wohl in der Regel  nicht viel weiß.

 

Den Namen hat unser Kinobesucher wohl gehört, bei Novalis, der Böhme als geheime Vaterfigur besingt, bei Hegel, der in Böhme seine Dialektik präfiguriert fand, bei Schopenhauer, dessen „Wille“ als Ursache allen Ungemachs er im Ungrund Böhmes vorfand, bei Angelus Silesius, dem Dichter, den noch der Dalai Lama zustimmend zitieren könnte, bei Quirin Kuhlmann, dem avantgardistischen Ekstatiker des Barock. Überall in den letzten 400 Jahren kann einem der inspirierende Name Jacob Böhmes begegnen, und nun dieser Film, der von all dem nicht handelt, in dem gar nicht gehandelt wird. Schaun wir mal, denkt unser Kinobesucher.

 

Es ist viel von Gott die Rede, fast in jedem Satz der aus dem Off gesprochenen Zitate. Eine wunderbar langsame Stimme, die jede Silbe erst abschmeckt, bevor sie Buchstabe für Buchstabe langsam sich im Raum verteilt, auf Schallwellen, die eine eigene Realität im Kopf erzeugen. Der auf der Leinwand zu sehen ist, soll wohl Jacob Böhme sein. Und ein Blick auf die überlieferten Bildnisse bestätigt: Ja, das ist er, Jacob Böhme, der Schuhmacher mit wirrem, recht dünnem Haar, hoher Stirn, kurzem Bart, verstaubtem Mantel. Eine gewisse Melancholie liegt auf dem Gesicht, ein gelblich zitterndes und zagendes Suchen mit den Augen. Sein Mund bewegt sich nicht zum Sprechen, es wird nur seine Gestalt gezeigt, wie sie stets langsam durch eine bewaldete Sumpflandschaft geht, in einer Art Keller sitzt, am Tisch schreibt, auf dem Boden hockt, auf einem großen Ast eines stämmigen Baumes liegt, und Sätze spricht, wie diesen:

 

„Ach, dass wir uns nicht kennen! O du edler Mensch, wenn du dich kennetest, wer du bist, wie solltest du dich freuen!“

 

Der Leib Gottes ist ihm die Natur, und selbst das Böse in der Welt ist irgendwie auch in Gott.

 

„Denn die Sanftmut in der Natur ist eine stille Ruhe; aber die Grimmigkeit in allen Kräften machet alles beweglich, laufend und rennend, dazu gebärend.“

 

Das Böse als Motor der Bewegung, das ist eine steile These, die die Frage ertragen muss, wie wir uns in der Geschichte bewegen sollen: verändernd, gestaltend, kämpferisch, oder ruhend, gelassen bleibend, und aussteigen? Nützt die christliche Charitas etwas, wenn sie kämpferisch ist?

 

„Denn du darfst nicht sagen: Wo ist Gott? Höre, du blinder Mensch, du lebest in Gott und Gott ist in dir: und so du heilig lebest, so bist du selber Gott. Wo du nur hinsiehest, da ist Gott.“

 

Das unsichtbare Gebirge des Denkens wird immer steiler. Die Naturräume, die der Mann auf der Leinwand durchschreitet, verkörpern diese Sätze, ohne sie zu sprechen. Die Wahrheit schwebt als Geiststimme im Saal. Und plötzlich wird dem Kinobesucher unheimlich: Wo bei all dem kommt die Kirche vor? Dieser Schuster gesteht jedem Menschen zu, sich selber zu heiligen, ja seinen Gott in sich zu haben, deshalb diese Naturräume auf der Leinwand, deshalb zeigt der Film keine Bilder in Kirchen oder vor Altären.

 

Aus dem Zuschauerraum wird selber ein Kirchenschiff, das ist zu spüren, man könnte eine Stecknadel fallen hören, so still ist es. Die Stimme im Off, hervorragend intoniert von Max Hopp, klingt wie der Heilige Geist, und der Mann auf der Leinwand stellt eine Menschwerdung diesen Geistes dar, das ist an einer Stelle gut gelungen, da Jacob Böhme auf der Erde liegt und die Arme ausbreitet, wie ein Gekreuzigter ohne Kreuz. Die Kinoleinwand wird zum Altar, auf dessen Flügeln der Film zu sehen ist wie zu Jacob Böhmes Zeiten geschnitzte Holzfiguren, die auch etwas erzählen. Etwas Numinoses, ein unnennbares Element des Unheimlichen durchzieht diesen Film. Das Gesicht in Großaufnahme, Jacob Böhme darstellend, blickt mal starr, mal friedlich, mal dämonisch ins Publikum. Um den Kopf herum bewegt sich ein Lichtstrahl, der die Oberfläche des Kopfes abtastet wie das Licht der Morgenröte die Oberfläche der Erde. Die Kameraführung von Max Hopp und Jan Korthäuer meditiert gleichsam mit Linse und Licht.

 

Die Stimme, die Zitate spricht, kein einziges aus der Bibel, keinen eigenen Satz, nur Zitate aus den Werken Jacob Böhmes, die recht wohl aus dem Zentrum seiner Gedanken stammen, trennt und vereint sich zugleich von der Gestalt auf der Leinwand. Ronald Steckel hat über Jacob Böhme und seine Schriften gründlich recherchiert. Ganz genau wie Jacob Böhme – als typischer Renaissancephilosoph - die Welt, Erde und Elemente als das Ausgesprochene einer Stimme der Schöpfung versteht, im Sinn einer ineinander verschlungenen Trennung von Außenwelt und Innenwelt aller Dinge, so trennt der Film ästhetisch konsequent die Stimme Jacob Böhmes, sein Inneres, vom Bild dieses Menschen, kaum mehr ein Bild, das philosophisch das Laufen lernt. Er gilt als der erste deutsche Philosoph, ein Laie in medizinischen wie theologischen Angelegenheiten, und in dieser handwerklich-naiven Haltung recht wohl die Anfängerschaft der von Theologie und Kirche sich allmählich befreienden Philosophie symbolisierend. Dieses durchaus Ängstliche und Anfangende im Denken jener Zeit zeigt sich in den Zitaten des Films ebenso gut wie in den sensiblen Körper- und Gesichtsgesten des Jacob-Böhme-Darstellers Klaus Weingarten.

 

Die Probleme, mit denen Jacob Böhme als Kirchenkritiker zu kämpfen hatte, das also, was gerade das Emanzipatorische an der historischen Gestalt Jacob Böhmes ausmacht, ist nur mittelbar Thema des Films. Das ist nicht schlimm. Dem Zuschauer begegnet dann aber im Abspann folgender Satz:

 

„Sein Begräbnis auf dem Nicolai-Friedhof wurde für die Kirche und die Stadt Görlitz zum Politikum. Das von Freunden und Gönnern gestiftete Grabkreuz wurde wenige Tage später von Unbekannten zerstört.“

 

Das vermittelt sich uns Heutigen nicht. Warum, so die Frage derer, die heute mehrheitlich – sagen wir: konfessionsneutral der Kirche und Gott gegenüber stehen, verweigerte man Böhme ein kirchliches Begräbnis, da doch bei ihm so oft und für unsere Ohren bis zur Bravheit von Gott und immer wieder von Gott die Rede ist? Hier ist im Fall Jacob Böhmes und der freireligiösen Tradition der Mystik, in der er wirkte, noch einiges an Aufklärung nötig. Hierzu hat der meditative Böhme-Film des "Nootheaters" und der "Organisation zur Umwandlung des Kinos" einen Beitrag geleistet, indem er vermeidet, ein historisches Referat zu liefern, sondern einen kleinen subversiven Gottesdienst in profanen Kinoschiffen zu zelebrieren.

 

Thomas Isermann (Berlin)

 

Morgenröte im Aufgang. Hommage à Jacob Böhme. Darsteller: KLAUS WEINGARTEN, Stimme: MAX HOPP, Kamera: MAX HOPP, JAN KORTHÄUER, Ton / Licht / Montage / Recherche: MAX HOPP, JAN KORTHÄUER, RONALD STECKEL, KLAUS WEINGARTEN, Sprachaufnahmen: NOOTHEATER, Musik / Sounddesign: MATTHIAS KIRSCHKE, RONALD STECKEL, Konzept / Textbuch / Dramaturgie / Sprachregie: RONALD STECKEL, Regie: MAX HOPP, JAN KORTHÄUER, RONALD STECKEL, KLAUS WEINGARTEN, Produktion: nootheater  & Organisation zur Umwandlung des Kinos. © 2015, hd / 16mm / s/w & Farbe / 16:9 / 81min

 

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Ein vergessener Spiritualist und Nonkonformist

Die Monographie über Johann Theodor von Tschesch (1595-1649)

 

Auf dem Buchtitel dieser „Untersuchungen und Spurensicherung“ findet sich ein Bild, wohl ein Kupferstich dieses „religiösen Nonkonformisten“: große, müde Augen, wallendes, langes Haar, ein Priesterkragen und ein wärmender Umhang in historisch kalten Zeiten. Etwas halslos sieht er enttäuscht am Betrachter dieses Bildes vorbei, es strahlt Traurigkeit aus.

 

Dementiert wird diese Traurigkeit jedoch von dem ungeheuren, vom engagierten Schwung der Autorin dieses großen ersten Versuchs, das Leben und die Meinungen dieses Tristans unter den unmittelbaren Böhme-Schülern akribisch zusammen zu tragen.

 

Dieses Buch regt an, darüber nachzudenken, was wir eigentlich erkennen, wenn wir uns mit dem beschäftigen, wofür Namen wie Jacob Böhme oder der von Tschesch stehen. Gott? Erlösung? Ja, sie haben etwas mit der Kirchengeschichte zu tun, mit Religion, Mystik, und dann erst mit Philosophie, doch am Ende, wenn die säkulare Rezeption ästhetisch wird, mit Literatur,  deren Formkunst erst ihren Inhalt als sinnlich erfahrbar gestaltet. Auch Leser, die selber nicht konfessionsgebunden „glauben“, konzedieren diesen Schriften und anderen Vertretern ihrer Tradition eine eigenwillige schriftstellerische Faszinationskraft. Wir glauben weniger an Wunder, die diese Heiligen vollbringen, aber wir bewundern sie. Ihre Charaktere sind oft mehr wunderlich als wunderbar. Wenn Tschesch im Untertitel ein „religiöser Nonkonformist“ genannt wird, dann erwarten wir aufsässigen Individualismus, Kritik, Außenseitertum, ja vielleicht Schrulligkeit, die widersteht, nicht weil sie es muss, sondern weil sie es will. Allemal werden wir neugierig. Im Fall harmloser affirmativer Konfession, braver kirchlicher Biedermänner und -frauen würden wir unsere arg strapazierte Ressource Aufmerksamkeit wohl eher schonen.

 

Diese in ihrem Umfang erste Gesamtdarstellung zu Leben und Werk des Schlesischen Ratsgelehrten und Spiritualisten Tschesch ist jedoch unsere Aufmerksamkeit wert. Von ihm wussten wir nicht viel, bevor Tünde Beatrix Karnitscher noch einmal allen Quellen, Handschriften, den Rarissima der Drucke seiner Schriften nachgegangen ist. Bis in die jüngste Literatur, so Karnitscher, verwechselt man seine Vornamen. Bekannt geworden ist Tschesch als Briefempfänger und Gesprächspartner Jacob Böhmes zum calvinistischen „Gnadenwahl“-Thema, als erster und ebenbürtiger Schüler neben Abraham von Frankenberg, mit dem er sich schrieb. Karnitscher geht dem Netzwerk in mehreren Schaubildern nach, auf denen sie das Who-is-Who der Schlesischen Spiritualisten um Jacob Böhme und Tschesch einträgt. Doch zuallererst war er ein Mann seiner Zeit und ihrer Alltage:

 

„Während seiner Tätigkeit als Geheimer Rat an den Höfen von Liegnitz und Brieg übernimmt Tschesch größtenteils verwaltungstechnische Aufgaben, die u.a. das Kriegswesen, steuerrechtliche Angelegenheiten und auch Fragen der Bildung betreffen.“ (S. 91)

 

Als Geheimer Rat Schlesischer Adeliger versah von Tschesch seinen Beruf als Jurist, so dass auch er, neben seinem großen Vorbild Böhme, als theologischer Laie schrieb,  enthusiasmierte Briefe, 1200 lateinische  Epigramme über sein Leben und seine Erleuchtung und etliche, wenig umfangreiche, wenig elaborierte Traktate. Im persönlichen Umkreis von Martin Opitz schrieb er wohl einige deutsche Dichtung, auch Sonett-ähnliche Vierzehnzeiler. Er übersetzte Kirchenlieder aus dem Holländischen und suchte lange vergeblich finanzielle Unterstützer für den Druck seiner Schriften. Ihn plagten Schreibblockaden und er erlitt Hofintrigen. Er war zu gut für diese Welt und wurde mit zunehmendem Alter verbittert und in seinen religiösen Ansichten rigoros. Er floh die Welt und suchte ihr Jenseits. Er verließ die Höfe, die ihn nährten, die ihn narrten, er ging auf Wanderschaft, mitten im Dreißigjährigen Krieg und zu dessen verrohtem Ende. Über Danzig gelangte er nach Amsterdam, dort gefiel es ihm ein gutes Jahr, dann sah man ihn in Augsburg, es zog ihn zurück nach Holland, wo ihm die frische Luft dieses freien Landes offenbar guttat, obwohl er von anderen Erleuchteten auch dort gemobbt wurde. Er hielt sich in Leiden auf. Dann erscheint sein „Kurtzer und einfältiger Bericht von der einigen wahren Religion. Bey diesen letzten bösen Zeiten / da fast Glaub / Lieb und Treu verloschen“. Es ist das Jahr 1646, zwei Jahre vor dem offiziellen Ende des Krieges. In Elbing bei Danzig starb er 1649, arm wie eine Kirchenmaus.

 

Er scheint vom Pech verfolgt gewesen zu sein. Seine zweite Geburt, seine Initiation, heute würden wir sagen: sein Trauma, war 1621 ein Sturz auf der Treppe des Schlosses von Liegnitz, ein Unfall, der eine lebenslange körperliche Behinderung nach sich zog. (vgl. S. 55 und S. 84)

 

Keine angenehme Erleuchtung also war es, wie diejenigen Böhmes anhand schön schimmernder zinnernder Gefäße oder wassergefüllter Schusterkugeln oder ekstatischer Entrückungen, wie man ihm nachsagte und andichtete, nein, ein profaner Treppensturz führte Tschesch zum Umdenken. Ein Pechvogel war er auch auf einer Italienreise, von der aus er weiter ins Heilige Land segeln wollte. In Ragusa (Dubrovnik) aber, „während Tschesch noch >aus Curiosität die Stadt besahe<, soll das Schiff – mitsamt seinem Hab und Gut – davongesegelt sein.“ (S. 125)

 

1627, krank und erschöpft wieder zurückgekehrt in den Brotberuf als Jurist bei Hofe, dichtet er latein, in der dankenswerten Übersetzung von Frau Karnitscher:

 

„Die eingesperrte Seele.

 

Ach, eingesperrt seufze ich! Meine freie Kraft ist hin! Als ihren Diener beanspruchen und  belästigen mich die Welt und der Hof. Weder hier, noch da, sondern im Inneren findest du das wahrlich Gute, was dir Freude bereitet, du erbärmliches kleines Leben.“ (S. 129)

 

„Die Diskussion um Tscheschs Rolle in der Böhme-Rezeption“, so Karnitscher, „läuft - wie bereits mehrfach aufgezeigt - in den meisten Fällen darauf hinaus, ihn ausschließlich auf einen - in manchen Fällen gar enthusiastischen - Böhme-Nachfolger zu re­duzieren. Eine solche Deutung greift aber meines Erachtens deutlich zu kurz angesichts der Komplexität von Tscheschs Person und seinem Wirken, das sich weit über die Tätigkeit eines Hofbeamten, der das Gedankengut Böhmes auf­greift, hinaus erstreckt: Tschesch ist weitaus mehr als der bloße Böhme-Rezipient, er bedient sich - in eklektischer Weise - verschiedensten Gedankenguts: Man denke nur an die antike Philosophie, den Hermetismus und an die Schriften von Melanchthon, Luther, Weigel, Arndt und Paracelsus - um nur einige zu nennen - sowie an Motive mystischer und spiritualistischer Literatur (in erster Linie die­jenigen Taulers), die sich in seinen Schriften niederschlagen.“ (S. 212)

 

Es wird nicht immer ganz klar, worin dieses „Mehr“, als Böhme-Epigone zu sein, denn eigentlich besteht. Karnitscher dementiert ihren eigenen Anspruch, in Tschesch einen Individualisten mit mystischem Eigenwert zu präsentieren, indem sie das, was über die Böhme-Schülerschaft hinausgeht, doch wieder nur im allgemeinen Bildungsgut der Epoche vorfindet.

 

Die Evidenz der Wahrheit, der mystischen Versenkung, der Meditation wird Spiritualisten wie Tschesch nicht im akademischen Diskurs gewahr, sondern – laienhaft – durch textuelle Übungen, die wie Exerzitien anmuten. „Bei diesem Erkenntnisprozess“, wie es über seine Böhme-Lektüre heißt, „kommt dem Akt des Schreibens und Kopierens eine wesentliche Rolle zu.“ (S. 241) Kopieren ist eine Form der Aneignung, wie Tschesch selber ausführt:

 

„Ich schreibe offt Sachen ab / die ich wohl sonst gedruckt oder geschrieben haben könte / nur darum / daß ich selbige Dinge / die da ausgesprochen seyn / recht anschauen / er­kennen und fassen möge. Stelle dabey mein Hertze zu GOTT / daß er es erleuchte / und was da recht und gut mit seinem Finger darein schreibe. [...] Ich halte solches Ab­schreiben mir als einen Sabbath Gottes / darinn ich stille halte / und zwar der Hand und den äusseren Sinnen in einen guten und zu GOTT leitenden Dinge / zu thun gebe / aber hierinnen zum Wircken Gottes mich darstelle [...].“ (S. 241)

 

Das wäre das traurigste Epigonentum, sein Glück und Heil als Kopist zu sehen. Doch im Kopieren kann sich der "Schüler" meditativ in die Gedanken seines Vorbildes versenken. Als Mystiker der zweiten Reihe folgt Tschesch's Leben, so religiös eigenständig und von seinem Vorbild Böhme unabhängig ihn Karnitscher immer wieder hervorhebt, und folgt sein Selbstverständnis als wiedergeborener Christ der Typologie, den Topoi seiner Zeit. Er war Nonkonformist unter vielen, Aussteiger unter Aussteigern, und dadurch typisch. Persönlich erlebte Traumata (Krieg, Pestilenz, Unglücke) führten viele Menschen in ein zweites Leben, in dem sie vom Heiligen Geist erweckt schienen und in dem sie den Weg zu ihrem Jesus Christus außerhalb der Institution der Kirchen fanden. Sie nannten sich Spiritualisten, eigentlich ein anderes Wort für religiöse Nonkonformisten. Manche Theologen versuchen sie bis heute zu kanalisieren, zu klassifizieren, als fingen sie diese ein wie Schmetterlingssammler in ihren Botanisiertrommeln seltene Exemplare. Karnitscher zitiert dies am Beispiel einer gewissen unfreiwilligen Komik:

 

„Eine Einteilung der Spiritualisten bzw. von Spiritualismus in Typen wie »sakramen­taler Spiritualismus«, »individualistischer Spiritualismus«, »eschatologischer Spi­ritualismus« sowie »ekklesialer Spiritualismus« - Volker Leppin (2008) - oder »evangelische Spiritualisten«, »rationalistische Spiritualisten« sowie »mystische Spiritualisten« - Heinhold-Fast (1962) - oder (ebenso) »mystische Spiritualisten«, »libertinischer Spiritualismus«, »apokalyptischer Spiritualismus« und »humanisti­scher Spiritualismus« - Benrath (1980) - kann als ein Versuch gewertet werden, die Heterogenität des Themas systematisch zu erfassen. Es lässt sich in der For­schung eine Tendenz erkennen, Tschesch vor allem dem mystischen Spiritualismus zuzurechnen.“ (S. 20)

 

Gott sei Dank, möchte man sagen, betont Karnitscher zwei Seiten später, Tesch ließe sich „nicht ausschließlich einer der vorgestellten Kategorien zuordnen.“ (S. 22)

 

Aber was dachte Tschesch, was nicht auch andere dachten, und zwar literarisch besser, historisch früher, philosophisch ausführlicher? Mehrmals betont Karnitscher, Tschesch sei „eklektisch“, ein unschönes Wort, das einen seltsam unwürdigen Klang besitzt.

 

Die Verfasserin hat kein leichtes Thema gewählt, das dadurch erschwert wird, dass wir als durchschnittliche Mystikleser kaum zuhause Tschesch’s Werke stehen haben, in denen wir nachlesen könnten, worum es hier und worum es ihm geht. So spricht Karnitscher in sehr ambitionierter  scientifischer Diktion ÜBER Tschesch, aber kaum MIT ihm, was jedoch nötig wäre, um ihn uns nahe zu bringen. Erst auf Seite 53 erscheint ein Zitat von Tschesch, und dann viele weitere Seiten keines mehr. Der Leser erhält daher keinen „Sound“ dieses traurigen unter den barocken Mystikern. Karnitscher hätte es dem Leser einfacher gemacht, wenn sie ein bisschen mehr und etwas längere Originalzitate gebracht hätte. Ein Sonett, das er geschrieben haben soll, ist nicht ewig lang und könnte zitiert werden, dann wären einige Ausführungen besser nachvollziehbar.

 

Aber das ist nicht so schlimm. Den Rezensenten hätte es schließlich nicht gestört, wenn er nicht beim Lesen solche Lust bekommen hätte, mehr von diesem „eklektischen“ Tschesch zu lesen. Wenn das Verdienst dieses minutiös recherchierten Werkes von Frau Karnitscher über Johann Theodor von Tschesch darin liegt, einmal eine Textedition wenigstens der besten Schriften dieses seltsamen Mystikers des frühen Pietismus anzuregen, wäre dies das schönste Lob, das Philologie sich verdienen kann: Die Liebe zum Wort in ihren Texten zu lesen.

 

Thomas Isermann, Berlin

 

Tünde Beatrix Karnitscher: Der vergessene Spiritualist Johann Theodor von Tschesch (1595-1649). Untersuchungen und Spurensicherung zu Leben und Werk eines religiösen Nonkonformisten. (= Arbeiten zur Geschichte des Pietismus, Band 60). Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht) 2015. 398 Seiten mit einem Einlegeblatt. ISBN 978-3-525-55843-0, 99,99 €

 

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"Jacob Böhme in seiner Zeit"

Die neue Aufsatzsammlung von Ferdinand van Ingen

 

Der Titel signalisiert die Ausrichtung dieser Aufsätze über Jacob Böhme und seine Schriften: Beide, Person und Werk, werden aus der Zeit ihrer Entstehung heraus gelesen, mit Hintergrundwissen unterlegt und verstanden. Das ist viel, denn den meisten Lesern des Görlitzer Philosophen wird es so gehen: lesen – ja. Historische Hintergründe recherchieren – ja, das geht auch. Aber Jacob Böhme verstehen? Das zu schaffen glauben von sich nur wenige. Van Ingen meint denn auch: „Böhme gilt als der vielleicht schwierigste deutsche Denker.“ (S. 13) Um so verdienstvoller wäre die Leistung derjenigen, die ihn uns erklären.

 

Das Werk Jacob Böhmes gleicht einem hohen Berg, dessen Spitze wir aber nicht sehen, so dass wir nicht bemerken würden, oben angelangt zu sein, denn seine Themen, um die es Böhme eigentlich geht, sind unsichtbar, und dieses Unsichtbare wird mit Sprache umlegt wie mit einem Mantel, einem unendlichen Text-Teppich, montiert mit Versatzstücken aus Alchimie, Reformationstheologie, Bibellektüre, Kabbala, Astologie und Denktraditionen christlicher Mystik. Dabei reicht es  nicht, all diese Quellen zu kennen, mehr noch, Jacob Böhme entnimmt diesen Disziplinen sein Wissen als Laie: eigenwillig, teilweise neu codiert und selbstbewusst als freischwebender homme de lettres, der er war. Drei Steilwände stehen zwischen uns und dem Berg Böhme: Die enorm verästelten Quellen seiner Terminologie aus den genannten Wissensdisziplinen seiner Zeit, die eigenwilllige Montage dieser Elemente zu etwas Neuem, drittens muss man durchschauen, dass das Gesagte nicht immer  das Gemeinte ist. Deshalb setzt Jacob Böhme immer wieder neu an, wiederholt sich, kreist ein, was er sagen möchte, bemüht sich um bessere Darstellung. Deswegen wirken viele seiner Werke zunächst redundant und – ja: lang bis langatmig. Wenn er etwa die paracelsisch-chemischen Grundtermini Salniter, Mercurius und Sulphur (also Salpeter, Quecksilber und Schwefel) nennt, so zielt Böhme nicht auf deren tatsächliche naturkundliche Verwendung, sondern nimmt sozusagen ihren Metapherncharakter im Rahmen ihm unaussprechlicher Aggregatzustände Gottes.

 

Das Werk Jacob Böhmes - es umfasst in der Ausgabe der „Sämtlichen Schriften“ von 1730 rund 4500 Seiten -  könnte unmöglich von einem einzelnen Kommentator oder von einer Gesamtdeutung allein erläutert werden. Daran sind schon Deuter wie Hans Grunsky oder andere Mitte des 20. Jahrhunderts gescheitert. Die Böhme-Philologie ist seitdem bescheidener geworden und konzentriert sich auf einzelne Aspekte.

 

Das weiß selbstverständlich auch van Ingen in diesem informativen Band zu Teilaspekten des faszinierenden Werkes des deutschen Barock zu berücksichtigen. Seine daher eher locker gefügten Aufsätze lassen sich in drei zusammengehörende Themenblöcke gruppieren:

 

Nach einer historisch orientierten Einleitung behandelt er zwei Leitthemen der christlichen Welt aus Böhmes Sicht: die Idee der „Freuden der himmlischen Welt“, sowie das Gegenstück, also „die Entstehung des Bösen“ in der Welt, dem Böhme in der Tat realistisch viel Raum in seinen Schriften gibt. Es folgt ein Kapitel zur Kirchenkritik mit wertvollen Hinweisen zur konfessionell-theologischen Einbettung Böhmes.

 

Ein zweiter Block widmet sich konkreten Werken. Zwei von ihnen werden monographisch portraitiert: die Erstlingsschrift „Morgenröte im Aufgang“ von 1612 und der alchimistische Höhepunkt der späteren Werkphase „De Signatura Rerum“ von 1622.

 

Ein dritter Block behandelt zentrale Begriffe bei Jacob Böhme, die in den philosophischen Diskursen noch bis in unsere Zeit aktuell geblieben sind: Imagination, Gelassenheit und die „Natursprachen-Idee“,  die recht eigentlich eine Sprachkritik darstellt, rund dreihundert Jahre vor Fritz Mauthner oder Ludwig Wittgenstein. Dieser Bogen in die Aktualität Böhmes wird von van Ingen allerdings sinnvollerweise nicht geschlagen, sie bietet sich jedoch dem Leser von Böhmes Schriften allenthalben gleichsam an.

 

Die Aufsätze zeigen aber auch, wie schwierig es ist, dem Böhme-Unkundigen den Philosophen interessant zu machen. So heißt es über dessen Engagement gegen eine spießig werdende lutherische „Mauerkirche“ und gegen einen engstirnigen Calvinismus etwas pathetisch: „Böhme rüttelt seinen Leser unsanft durch und appelliert an die Entscheidungsnotwendigkeit des geschichtlichen Lebensaugenblicks.“ (S. 185) Statt „geschichtlich“, was wir so gerne lesen, wenn wir aufgerüttelt werden sollen, hieße es besser „religiös“ oder „christlich“, denn auf ethisch motiviertes Eingreifen in die historischen Belange seiner politischen Gegenwart will Böhme nirgends hinaus. Darin gleicht er dem Philosophen Schopenhauer, dass er Zustände selbstbezogenen, individuellen oder kollektiven Willens verneint und recht eigentlich zu überwinden empfiehlt anstatt sie historisch ändern zu wollen.

 

Auf einige Kritikpunkte, die beim Lesen auffallen, sei hingewiesen. Den Lesefluss stört erheblich, dass die Werke Böhmes nach den immer noch bequem lesbaren „Sämtlichen Schriften“ von 1730 zitiert werden, jedoch zwei Werke, die „Morgenröte“ und „De Signatura Rerum“, nach einer in der Orthographie völlig abweichenden Ausgabe, deren Texte auf Editionen von 1634 und 1656 zurückgehen. Warum diese irritierende Abweichung? Wegen höherer Authentizität und größerer Nähe zu Böhmes Schreibweise? Aber dann hätte van Ingen im Fall der „Morgenröte“ besser noch auf  die von Werner Buddecke edierten Handschriften zurückgreifen müssen, authentischer als mit der echten Handschrift geht’s nicht. So aber muss der Rezipient zwei Ausgaben zu Rate ziehen, will man die Zitate nachlesen. Zukünftige und neue Leser gewinnt man mit derlei Kompliziertheiten nicht, eine Ausgabe als Basis hätte zur Einführung gereicht.

 

Dieses Buch über Jacob Böhme, das - dem Auftritt nach - mehr sein will als eine Aufsatzsammlung aus den letzten Jahrzehnten des Verfassers, nämlich eine panoramatische Gesamtschau, fasst die Forschungsliteratur zu Jacob Böhme recht gut zusammen und hilft Neulingen, sich anhand focusierter Einzelthemen in die Welt Jacob Böhmes einzulesen. Wenn wir dann mithilfe diesen Buches Böhme besser verstehen, ist der Preis für die Anschaffung zu 78 € noch als wohlfeil zu bezeichnen.

 

Thomas Isermann (Berlin)

 

Ferdinand van Ingen: Jacob Böhme in seiner Zeit. Stuttgart-Bad Cannstatt (frommann-holzboog Verlag) 2015. ISBN 978-3-7728-2670-2. 341 Seiten.

 

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Mystik und Totalitarismus. Böhme-Studien Band 3  

 


Wie ist das Interesse von Ideologen des Dritten Reichs an „Traditionen deutscher Mystik“ zu erklären? Handelte es sich um ein Mißverständnis? Wurde eine Nebensache für das Eigentliche genommen? Oder gibt es doch substantielle Gemeinsamkeiten, an die der Nationalsozialismus anknüpfen konnte?
Diese Fragen standen auf der Tagung „Mystik und Totalitarismus“, die das Internationale Jacob-Böhme-Institut im März 2011 in Frankfurt a. M. veranstaltete, im Mittelpunkt. Die hier abgedruckten Beiträge sind erste Schritte auf dem Weg zu einer Erhellung dieses Zusammenhangs.

 

Die eigentümlichen Korrespondenzen zwischen Mystik und dem, wofür Hannah Arendt den Begriff der totalen Herrschaft geprägt hat, wurden von verschiedenen Seiten aus beleuchtet. Schwerpunkte waren dabei neben der nationalsozialistischen Mystik-, namentlich Böhme- und Eckhart-Rezeption die, wenn man so will, selbstverfertigten Mystizismen der NS-Bewegung und die mit ihnen verknüpften, von Sölle in die Nähe zur überlieferten Mystik gerückten kultischen Inszenierungen sowie die hierfür den Boden bereitende Melange aus völkisch- rassistischem Gedankengut und Okkultismus, die bereits ab den achtziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts und vermittelt vor allem über eine wachsende Anzahl pseudo-wissenschaftlicher Periodika von einem wachsenden Publikum rezipiert wurde.

 

Der dritte Band der Böhme-Studien enthält die Ausarbeitungen der Vorträge dieser Tagung zum Thema „Mystik und Totalitarismus“, die in Kooperation mit der Katholischen Akademie Rabanus Maurus und der Frankfurter Initiative Denkraum im Frankfurter Haus am Dom stattgefunden hat.
Zusätzlich aufgenommen wurde ein Aufsatz von Reiner Manstetten, der als Beitrag für die Tagung vorgesehen war, dann aber nicht vorgestellt werden konnte. Die Studie, die mit ihrer Herausarbeitung offensichtlich verwandter Erscheinungen in Christentum, Islam und Buddhismus ein sehr eindrückliches Bild von der Dimension und Aktualität des Problems zeichnet, wurde den übrigen Beiträgen vorangestellt.

 

Günther Bonheim, Thomas Regehly (Hrsg.): Mystik und Totalitarismus. Böhme-Studien. Beiträge zu Philosophie und Philologie, Bd.3. Berlin, 2013, 252 Seiten; € 29,80; ISBN 978-3-89998-211-4

 

Weitere Rezensionen:
Frankfurter online-Kulturmagazin "Faust-Kultur": Die unheimliche Nähe

Frankfurter Allgemeine Zeitung FAZ: Selbstlos und ohne Vorbehalte

itman-Library, Amsterdam: Boehme’s legacy abused

Kristine Hannak: in Arbitrium, Band 32, Heft 3: de Gruyter Verlag

 

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Kritische Neuedition des "Gründlichen Berichts vom irdischen und himmlichen Mysterio" (Mysterium Pansophicum) im Rahmen einer von Andrew Weeks herausgegebenen englischen Neuausgabe zweier Böhme-Schriften

 

 Der 1620 vermutlich in Verbindung mit Böhmes vierter Schrift 40 Fragen von der Seelen entstandene kleine Traktat „Ein gründlicher Bericht vom irdischen und himmlischen Mysterio“, auch bekannt geworden unter dem Namen „Mysterium Pansophicum“, präsentiert sich als eine höchst anspruchsvolle philosophische Abhandlung und ist als solche in der Forschung denn auch wiederholt wahrgenommen worden. „Das Mysterium pansophicum, vom himmlischen und irdischen Mysterio, behandelt die Grundlehre Böhme’s und hält sich ganz in spekulativer Reinheit, trotz der Kürze ein Kleinod unter Böhme’s Schriften.“ (Adolph Fechner, 1858) In neun aufeinander aufbauenden Texten entwickelt Böhme in ihr die Grundzüge seiner Kosmologie von der Selbstgebärung Gottes bis hin zur Erschaffung von Welt und Mensch. Von zentraler Bedeutung ist dabei der von Böhme mit einer neuen Bedeutung unterlegte Begriff des Ungrunds, der sich wie kein zweiter mit seinem Namen und seiner Lehre ganz unmittelbar verbindet und zu dem das schmale Werk mit seinem Eingangssatz „Der Ungrund ist ein ewig Nichts“ und den sich hieran knüpfenden Spekulationen so etwas wie eine Schlüsselstelle bereithält. Nicht zuletzt aus dieser Besonderheit heraus erklärt sich zum Gutteil auch die – mit Namen wie Schelling und Schopenhauer sich verbindende – besondere Rezeptionsgeschichte des Traktats.

 

Böhmes Originalhandschrift des Textes hat sich nicht erhalten. So muß sich jeder Versuch einer kritischen Edition mit den vorhandenen Textträgern aus zweiter Hand behelfen – neben einem Abschriftenfragment insgesamt acht frühe vollständige Kopien. Unter ihnen stammen drei unzweifelhaft von Personen (bzw. wurden von Personen veranlaßt), die mit Böhme persönlich in Kontakt standen, so daß von deren Manuskripten anzunehmen ist, daß sie vom Autographen gefertigt wurden. Sie bilden die Grundlage für die vorliegende Neuedition des Traktats. Als Leithandschrift wurde die Abschrift des Michael Ender von Sercha gewählt, die Werner Buddecke in seinem Verzeichnis der Böhme-Manuskripte unter der Nummer 71 beschreibt. In die Fußnoten wurden neben Hinweisen zum Text der Leithandschrift relevant erscheinende Varianten der beiden anderen Abschriften aufgenommen. Die eine (Buddecke-Verzeichnis Nr. 72) stammt aus dem Besitz des Abraham von Sommerfeld, der wie Ender dem schlesischen Landadel angehörte und der die Kopie von seinem Gerichtsschreiber anfertigen ließ, die andere (bei Buddecke nicht verzeichnet) von Christian Bernhard, einem Zolleinnehmer aus Sagan. Zudem finden sich in den Fußnoten die Abweichungen vom bislang maßgeblichen Druck des Textes in der Edition von 1730 aufgeführt, wobei hier nur jene Textstellen berücksichtigt wurden, an denen der Druck von allen drei Abschriften abweicht.

 

Auf der Basis der neuen Textkonstitution hat Andrew Weeks eine Neuübersetzung des Gründlichen Berichts ins Englische angefertigt, die synoptisch eingefügt und von ihm mit Kommentaren zu Inhalt und Terminologie versehen wurde.

 

Jacob Böhme: Ein gründlicher Bericht [vom irdischen und himmlischen Mysterio](1620) / A Fundamental Report. In: Aurora (Morgen Röte im auffgang, 1612) and Ein gründlicher Bericht or A Fundamental Report (Mysterium Pansophicum, 1620) by Jacob Boehme. With a Translation, Introduction, and Commentary by Andrew Weeks and Günther Bonheim in Collaboration with Michael Spang as Editor of Gründlicher Bericht. Leiden, Boston: Brill, 2013, S. 63-65 und S. 792-825.

 

Günther Bonheim

 

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Die Kräfte in der Natur. Eine Einführung in Leben und Werk. Von Gerhard Wehr   

Bei einem philosophischen Klassiker wie Jacob Böhme scheint die Frage nach Werkeinführungen eine besonders dringende zu sein. Denn die Hürden sind dem Anfänger zunächst hoch:

-in die barocke Sprache von vor rund vierhundert  Jahren, so lebendig sie ist, muss man sich einlesen,
-Böhme reagiert auf philosophisch-theologische Kontexte seiner Zeit, die der Leser wenigstens in groben Zügen kennen muss,
-Böhmes Wortwahl ist die eines Autodidakten, mithin wird mit Eigenwilligkeiten im semantischen Gebrauch zu rechnen sein, besonders etwa in der paracelsischen Terminologie, die schon im originalen Kontext dringender Kommentare bedarf,
-Seinem „Thema“, das geringer nicht ist als alles was mit dem Schöpfer, seiner Welt, der Natur und dem Menschen darin zu tun ist, nähert er sich multiperspektivisch und in immer neuen Ansätzen,
-Selbst in kleineren Schriften, die den Leser direkt in seinen Alltagsnöten und ihrer seelischen Bewältigung ansprechen, spricht er aus der hohen panoramatischen Perspektive der Gotteserleuchtung.

Bedarf an Einführungen ist allemal vorhanden, und dieser Aufgabe hat sich das Werk von Gerhard Wehr seit mehreren Jahrzehnten gestellt. Wer unter den angehenden Böhmelesern kennt nicht seine luzide und gut verständliche biographische Einführung in der Reihe der rororo-Biographien!

Mit dem vorliegenden Band liegt ein weiterer Versuch vor, Texte Böhmes in Form eines kommentierten Auswahlbandes zu präsentieren. Ein biographischer Abriss steht der Textauswahl voran, in Auszügen werden drei Hauptwerke in sinnfälliger Begrenzung portraitiert. Danach zeigt Gerhard Wehr einen Böhme, der es – neben recht global anmutenden Themenstellungen – in Briefen und Dialogen aber auch vermag, sehr individuell und persönlich in  Dialogen oder Briefen auf die Fragen seiner Zeitgenossen und Mmitmenschen zu reagieren. Der dritte Teil dieses kleinen Lesebuches versammelt Stimmen zur Wirkungsgeschichte, die, wie wir wissen, kurz nach Böhmes Tod einsetzt und in Phasen nachgerader Böhmebegeisterung verläuft.

Eines lässt sich in einem kurzen Lese-Buch wie diesem nur schwer abbilden, Gerhard Wehr sagt es indirekt an einer Stelle:

„Die nicht linear, sondern spiralartig voranschreitende Denkbewegung Böhmes tritt bereits in den ersten Abschnitten der ‚Aurora’ (Böhmes Erstlingswerkes – TI) in Erscheinung, indem Böhme seine Rede von den Qualitäten nochmals aufnimmt und weiterführt. Der Leser muss sich darauf einstellen, dass er häufigen Wiederholungen begegnet. Das entspricht einem meditativen Vorgehen. Es gilt, das Dargestellte nicht nur einmal, sondern wieder und wieder betrachtend vor sich hinzustellen.“ (S. 23 f.)

Diese Kreiselbewegungen des Böhmeschen Schreibens, ihr eigentliches Faszinosum, wird der Leser von Einführungen nicht erhalten können. Das liegt in der Natur der Sache. Die expressionistische Sprachkraft aber, die jenseits theologischer Konfessionen in der Böhmerezeption besonders des 19. Jahrhunderts die Leser hingerissen hat, ist ohne diesen langen Atem der, wie Gerhard Wehr formuliert, „spiralartig voranschreitenden“ Wiederholungen kaum zu haben.

Gerhard Wehr (Hg.): Jakob Böhme. Textauswahl und Kommentar. Wiesbaden (marixverlag) 2012. ISBN: 978-3-86539-271-8, 160 Seiten, 6,00 Euro

Thomas Isermann

 

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